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Wie man mit einer Geschichte schießt, zur Erinnerung tanzt, zur Wiederherstellung seines Stolzes reitet und eine neue Wirklichkeit schafft

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Die Apachenvölker des Südwestens nutzen Namen und Geschichten als Hilfsmittel, um sich der moralischen Kraft des Landes zu nähern und sie zu beleuchten. Der Stammesälteste Nick Thompson erklärt, wie historische Erzählungen genutzt werden, um die Menschen zu einem angemessenen Leben anzuspornen: „Wir schießen damit aufeinander, wie mit Pfeilen.“ Wenn jemand, auf den mit einer Geschichte geschossen wurde, sein Verhalten ändert, geht er oder sie eine dauerhafte Verbindung mit dem Ort ein, der in dieser Geschichte beschrieben wird. Nachdem ihm ein Verwandter oder Freund die Geschichte erzählt hat, wird der Ort zur moralischen Kraft, die die Menschen zurück auf den Apache-Pfad zieht. Benson Lewis erklärt: „Ich denke an den Berg, der ‚weiße Felsen, die oben aufgetürmt liegen‘ genannt wird, als ob er meine Großmutter mütterlicherseits sei.“
Als Zwölfjähriger in Nimwegen schoss mir Karl May (1842-1912) mit seinen Geschichten direkt ins Herz, ganz genau wie Ihnen. Ich ging eine enge Verbindung mit den realen oder symbolischen Orten ein, mit der Ganzheitlichkeit von Stammesleben und -beziehungen und mit der Tugendhaftigkeit der Suche.
Bis heute klage ich gegenüber meinem heute vierzehnjährigen Sohn: „Warum tötet man bei Polizeieinsätzen, wenn man einen Kerl niederschlagen oder in die Kniescheibe schießen kann, wie es Old Shatterhand getan hat? Warum tötet man überhaupt, wenn man mit einer guten Geschichte schießen kann?“
Einen Kontinent entfernt von den Apachen wusste auch Karl Mays Großmutter, wie man „schießt“: Und das haftet; das blieb. Eine spezielle Geschichte, das Märchen von der verloren gegangenen und vergessenen Menschenseele , blieb beim kleinen Karl besonders fest haften: Ich wollte und wollte sie finden.
Die Großmutter erzählte Karl, auch er sei eine verlorene Seele. „Aber ich bin doch nicht verloren“ , warf Karl zu Recht ein. In der Tat war der begabte Junge im Weg des Heiligen fest verwurzelt.
Er sah mehr als all die Erwachsenen rings um ihn herum. Er sah die Seelen, nichts als Seelen. Und er und seine Geschwister kannten jeden einzelnen Frosch in dem kleinen Teich hinter ihrem Haus und wussten, dass die Frösche sie ebenfalls kannten. Er mochte klein sein, doch er kannte die Bedeutung des Grußes des Sioux-Volkes der Great Plains – „Mitakuye Oyasin“ –, all meine Verwandten, oder: wir alle sind verwandt. Er war ein Kind des Himmels, ganz und gar nicht verloren, doch die Erwachsenen um ihn herum waren es gewiss. Als Erwachsener traf May weitere Menschen, die glaubten, er sei verloren, während eigentlich sie selbst verloren waren. Unwissend und unwillig, ihr Schlaraffenland zu verlassen, erschossen sie lieber den erleuchteten Boten, statt die wertvolle Lektion zu lernen. Einige dieser Menschen stempelten Karl May als Kriminellen ab, als einen, der an Verhaltensauffälligkeiten, dissoziativen oder anderen Störungen leide.
Die Benutzung dieser Etiketten zeigt ihre Unfähigkeit, nach einer tieferen Bedeutung oder einem höheren Zweck dieses Verhaltens zu suchen. Sie gaben dem Opfer die Schuld und machten mit dem Täter gemeinsame Sache. So verstärkten sie nur noch die ersterem zugefügten seelischen Verletzungen. In Wahrheit trafen die Etiketten auf die Menschen in Karl Mays Umgebung zu.
Der Vater schlug seine Kinder erbarmungslos mit Gegenständen, die speziell für diese Gelegenheit präpariert waren. In den aufgeklärten Ländern von heute ist das von Gesetzes wegen ein Verbrechen. Der Vater erkannte seinen einzigen Sohn nicht als einen eigenständigen Menschen an. Er betrachtete den Jungen als eine Ergänzung seiner selbst, der zur Wiedergutmachung seines eigenen, persönlichen Versagens, seines Unglücks und seiner unerfüllten Sehnsüchte dienen konnte. Es sollte sich nämlich an mir erfüllen, was sich an ihm nicht erfüllt hatte. […] er übertrug seine Wünsche und Hoffnungen und alles andere nun auf mich. Und er nahm sich vor, […] aus mir den Mann zu machen, der zu werden ihm versagt gewesen war.
Noch nicht zwei Jahre alt, wurde Karl mit dem beängstigenden Verlust seines Augenlichts konfrontiert, und mit fünf musste er wieder neu sehen lernen. Leider aber muß ich […] sagen, daß meine ‚Kindheit‘ jetzt, mit dem fünften Jahr, zu Ende war. Sie starb in dem Augenblick, an dem ich die Augen zum Sehen öffnete. Kaum hatte er sich erholt, wurde der Junge vom Vater wieder herausgerissen aus der Sicherheit und dem Schutz der großmütterlichen Liebe und ihrer hoffnungsfrohen Geschichten. Und dann zwang er ihm unsinnige Pflichten auf, brachte die Schule, ja sogar den Schulinspektor dazu, mit ihm gemeinsame Sache zu machen. Für Stunden nahm er das talentierte Kind mit in den Sumpf des Dorfgasthauses. Das, was man als ‚Jugend‘ bezeichnet, habe ich nie gehabt. Ein echter, wirklicher Schulkamerad und Jugendfreund ist mir nie beschieden gewesen. Das Lernen fiel mir leicht. […] Dann wurden die Schulbücher älterer Knaben gekauft. Ich mußte daheim die Aufgaben lösen, die ihnen in der Schule gestellt waren. So wurde ich sehr bald klassenfremd, für so ein kleines, weiches Menschenkind ein großes, psychologisches Übel […] seelisch aber bedeutete es einen großen, schmerzlichen Diebstahl, den man an mir beging. Er [Vater May] meinte, ich gehöre zu ihm.
Man stelle sich vor, wie verwirrend all dies für den kleinen Jungen gewesen sein muss, wie umfassend es seinen Charakter und seine Gefühlswelt angesichts der bereits trostlosen Situation überwältigen musste. Das väterliche Verhalten war krankhaft, und die gesamte Stadt wurde mitschuldig.
Obwohl die Großmutter Karls Talent und Zukunft förderte und seine Mutter um sein Augenlicht kämpfte, schützten sie ihn nicht vor den Attacken oder exzessiven Ansprüchen des Vaters, trotzdem beide Christinnen waren und den Jungen liebten. Man stelle sich vor, wie traumatisierend dies gewesen sein muss. Was bedeutet Liebe, wenn sie die Unschuld nicht vor Gewalt schützt? Was ist Liebe wert, wenn sie nicht für das misshandelte Kind eintritt und ihrer Empörung Ausdruck verleiht?
Wie kommt der Junge mit der lebendigen Hölle zurecht, wenn seine Beschützerinnen seine Qual nicht sehen? Wie geht er mit dem Verrat um? Mit ihrer stoischen Haltung zeigten Großmutter und Mutter Stärke, doch auch eine große Fähigkeit zum Verleugnen und zur Distanzierung.
Inmitten der Gewalt, dem endlosen Leiden, der harten Arbeit, dem Angriff auf die Seele und der schweigenden Komplizenschaft der beiden Frauen wurde die Welt unerträglich.
Jean-Paul Sartre schreibt, Genialität sei kein Geschenk, sondern ein Ausweg aus Verzweiflung, den man erfinde. Mit zwölf Jahren verstand es Carl Jung, im Fall von Stress einen Ohnmachtsanfall herbeizuführen. So konnte er auf Monate hin zuhause bleiben, bis er wieder in der Lage war, sich den Bosheiten der Welt zu stellen. Im Alter von sieben Jahren konnte Ingmar Bergman nicht zwischen Magie und Realität unterscheiden. Einem Freund erzählte er, seine Eltern hätten ihn an Schumanns Zirkus verkauft, damit er dort zum Akrobaten ausgebildet werde, zusammen mit Esmeralda, der Frau auf dem Pferd, die er im Zirkus gesehen hatte, der schönsten Frau der Welt. Für dies Eingeständnis wurde er aus der Schule genommen und heftig geschlagen. Niemanden interessierte es, warum er sagte, was er sagte.
Karl May entfloh der Verrücktheit seiner Umwelt durch einen Zustand der Fugue, genährt von Wunscherfüllung. Das war keine törichte Flucht eines Mannes, der der Wirklichkeit nicht standhalten konnte. Es war die Anwendung höchster Klugheit und Kreativität, um den gesündesten Weg durch eine seelenlose Welt zu finden. Amnesie und Einbildungskraft erfanden für May einen Durchgangs- und Ausweg, gerade so wie seine Bücher einen Durchgangs- und Ausweg für uns alle erfunden haben.
Stalin und viele andere Tyrannen hatten ähnliche Traumata wie May. Stalin überstand sogar eine Pockeninfektion, die ihn fürs Leben zeichnete und ihm den Spitznamen „Chopura“, der „Pockennarbige“, eintrug. Von der Gewalt und den Enttäuschungen ihrer Jugendzeit verfolgt, hatten die Tyrannen jedoch zu große Angst, sich der Vergangenheit und den eigentlichen Tätern zu stellen. Sie waren Schwächlinge.
Sie entschieden sich dafür, auf die Ängste des verletzten kleinen Jungen im Innern des erwachsenen Mannes zu reagieren, indem sie die Rollen vertauschten und zu Aggressoren wurden, die gedankenlos immer und immer wieder das taten, was einst ihnen angetan worden war. Ihre Seelen waren verloren oder tot und sie vergeudeten ihre Gaben, schufen neue Opfer und setzten lediglich denselben alten, teuflischen Kreislauf von Wut und Niederlage wieder in Gang. Ich glaube daran, dass Genialität Geschenk ist und Ausweg und Verwandlung.
Karl May verfügte über die Klugheit und die innere Stärke, dem Geschenk gerecht zu werden, die Ketten des Schicksals zu zerbrechen und eine neue Wirklichkeit zu schaffen. Karl Mays Genialität gleicht derjenigen Luke Skywalkers: Folge deiner Vision und erhebe dich über die umgebende Welt, ungeachtet aller Widrigkeiten. Auf diese Weise schießt er den Pfeil ab, der zu endgültigem Triumph und letzter Verwandlung führt.

Ich lebe seit 1985 in den USA, zunächst für zehn Jahre in New York und jetzt an der schönen Nordküste von Long Island. Wenn ich auf Reisen bin, schließe ich auch die Schattenseiten des Leidens auf indianischem Land mit ein. Es ist immer eine aufrüttelnde Reise.
Christoph Columbus und andere, die vor und nach ihm nach Amerika eindrangen, taten das, was auch Ingmar Bergmanns und Karl Mays Umgebung tat: Sie scherten sich nie um ein Verständnis von tieferer Bedeutung und Daseinszweck der Kultur, auf die sie trafen. Sie waren verloren, geradeso wie diejenigen, die Karl May ihre Etiketten anhefteten. Gedankenlos hielten sie Ausschau nach Gold, Profit und Abenteuer, abgeschnitten von der ewigen Weisheit, ohne die Absicht, die Lektion von Einheit und Freiheit und von der Heiligkeit von Land und Leben zu lernen.
Ich mag nur zwölf Jahre alt gewesen sein, als ich die Karl-May-Bücher las, aber ich verstand sofort den Zusammenhang zwischen den Versuchen, das Kind zum Schweigen zu bringen, und denjenigen, die Ureinwohner aus dem Gedächtnis zu drängen. Es nimmt nicht wunder, dass Karl May ihr Fürsprecher in Europa wurde. Er erfuhr dasselbe Vorurteil, dieselbe Verfolgung, dieselben gebrochenen Versprechen, denselben Identitätsdiebstahl.
Selbst die Erfahrung der Pockeninfektion teilten sie, wenn auch diejenige der Indianer absichtlich mittels biologischer Kriegführung herbeigeführt wurde, nämlich mittels der Decken, die man ihnen gab. Angesichts des heiligen und zeremoniellen Wertes der Decke für die Indianer können wir auch hier davon sprechen, dass die ihnen zugefügten seelischen Verletzungen so weiter verstärkt wurden.
Genau wie in Mays Umgebung machte die organisierte Religion mit Gewalt und Versklavung gemeinsame Sache und richtete im Namen Gottes wie auch der Bibel inner- und außerhalb der Reservate verheerenden Schaden an der natürlichen und heiligen Lebensweise der Stämme an. Wer war hier der Wilde, wer lebendige Wildnis? Wer kehrte die Rollen um und wurde zum Aggressor, genau wie die Tyrannen, und fügte den Indianern zu, was ihm selbst widerfahren war? Wer setzte lediglich denselben alten, uralten Kreislauf wieder in Gang?
Einen Wilden Westen gab es nie. Es gab nur unzivilisierte Weiße.
Die Ureinwohner Amerikas waren gesunde Menschen mit einer demokratischen Regierung, die aus dem Ältestenrat bestand. Es gab keine Tyrannen, keine milden oder kriegsverrückten Monarchen, es gab keinen Landbesitz, keine Steuern, keinen Hunger und keine Umweltverschmutzung. Es gab keine Gefängnisse, keine Türschlösser, keine Waisenhäuser. Verlassene Kinder wurden adoptiert, und Bestrafung von Kindern existierte nicht.
Benjamin Franklin, der eng mit den Nationen der Irokesen zusammenlebte, übernahm ihr Konzept von Einheit und Freiheit und wandte es in der amerikanischen Bill of Rights an. Doch dem Irokesen-Bund vergalt man dies nie, bis heute ist sein Beitrag zur amerikanischen Verfassung nie anerkannt worden.
Es ist kaum zu glauben, doch noch bis in die 1970er Jahre hinein wurden Indianer in schockierend hoher Zahl ermordet, insbesondere im Mittleren Westen.
Ich habe zusammen mit einer indianischen Familie auf meinem Weg zum Pine-Ridge-Reservat die Grenze von Nebraska nach Süd-Dakota passiert und war erstaunt über den an Panik grenzenden Zustand, den die exzessive Polizeipräsenz auf den Autobahnen rund um das Reservat hervorrief. Da ich noch nie Augenzeuge eines unberechenbaren starken Sturms war oder mein Haus bei einem Tornado verloren habe, war ich auch verblüfft über den Alarmzustand, den Wettervorhersagen im Reservat hervorriefen. Doch bald verstand ich, dass die Erinnerung an tödliche Naturgewalt und die Erinnerung an tödliche Gewalt von Menschenhand dem Gehirn meiner Freunde – zu Recht – tief eingebrannt war. Sie sind immer noch ein traumatisiertes Volk, und indianische Männer haben Gewalt und Enttäuschung unausweichlich internalisiert und wiederholen sie gegenüber ihren Frauen und Kindern.
Vielen indianischen Völkern geht es gut, doch die Armut in manchen Reservaten ist beschämend und hat immer wieder den Gedanken, die USA seien eine Supermacht, infrage gestellt, lange bevor das Wirtschaftssystem zusammenbrach. Einige Familien fragen sich jeden Tag, wie sie ihren Tank gefüllt bekommen oder ihre alten Autos am Laufen halten, so manches indianische Land leidet unter einer dritte-welt-artigen Infrastruktur, und wenn ich meine Adoptivfamilie besuche, deren Älteste die Lakotasprache sprechen, kaufe ich Lebensmittel ohne Ende. Frank Suniga, ein Stammesältester der Mescalero-Apachen aus Oregon, und andere aus den nordwestlichen Staaten der USA kämpfen schon lange um einen nationalen Gedenktag, der den Stammestraditionen Anerkennung zollt. 2008 hat sich ihr Wunsch erfüllt, doch nur für dieses eine Jahr. Inzwischen feiern die USA den Thanksgiving Day seit 1863. Diese Feier hängt damit zusammen, dass die Indianer die Pilgerväter mit Truthähnen und anderen Lebensmitteln am Leben hielten. Es gibt nicht vieles in der anderen Richtung, das man feiern oder wofür man dankbar sein könnte, und auch dies ist seit 1863 übersehen worden.
Vielen Amerikanern ist nicht bewusst, dass sie mit den Tätern Jahr für Jahr gemeinsame Sache machen, wenn sie den Thanksgiving Day feiern und so die den Indianern zugefügten seelischen Verletzungen nur noch verstärken.
Trotz allem kann man überall im Gebiet der Indianer feststellen: Der Indianer befindet sich im Aufwind. Meine liebste Erfahrung ist die Teilnahme am jährlichen Pow-Wow im Spätsommer, vier Tage voller Feiern und Zeremonien. Die Familien stellen Zelte zum Schutz und zum Schlafen auf, und ich sitze mit im Kreis, höre dem Trommeln stundenlang zu und beobachte das Tanzen. Die Sonne brennt auf den Kreis hernieder, Frauen, Männer und Kinder in vollem Kriegsschmuck, mehrere schwere Schichten von Kleidung, buntgemischt in allen Regenbogenfarben. Auch wenn die Temperatur bald 40 °C erreichen mag, tanzen die Tänzer weiter. Ich staune über dieses Zeugnis des Überlebens des indianischen Geistes in jeder Bewegung des Umhangs, dem Schlurfen der Mokassins, dem Klang der Pfeifen, den Geräuschen von Hörnern und Glöckchen.
Indianischen Gefangenen ist es von Gesetzes wegen erlaubt, ihre Religion zu praktizieren. Ich habe einmal einen ganzen Tag in einem Hochsicherheitsgefängnis im Mittleren Westen zugebracht und ein Pow-Wow mit ungefähr 75 indianischen Gefangenen gefeiert; viele von ihnen waren noch jung und wegen Drogenproblemen eingesperrt. Ich sprach mit so vielen wie möglich. Man sollte nie die persönliche Verantwortung eines jeden einzelnen leugnen, doch wurde mir, nachdem ich ihre Geschichten gehört hatte, der Zusammenhang mit der verheerenden Vergangenheit auf schockierende Weise klar.
Nichtsdestoweniger sind die amerikanischen Ureinwohner dabei, die Ketten ihres Schicksals zu zerbrechen und ihre Völker wiederaufzubauen. Durch die Behandlung in Kliniken für Diabetes, Alkohol- und Drogenabhängigkeit stellen sie ihre Gesundheit wieder her. Durch Erziehung und Heilzirkel gewinnen sie ihre Vitalität zurück. „Es beginnt mit einem Eröffnungsgebet; danach geben alle von der Tat Betroffenen den Konsequenzen der Missetat für ihre Gefühle Ausdruck. Ein Stammesältester gibt Ratschläge aufgrund von Geschichten, Traditionen und Zeremonien. Alle beteiligten Parteien, sowohl das Opfer als auch der Missetäter, ihre Verwandten und Freunde, besprechen und entscheiden, wie das Gleichgewicht wiederhergestellt und der angerichtete Schaden wiedergutgemacht werden kann.“
Robert Yassie, Oberster Richter des Navajo-Volkes, nennt dies „Hozhooji Naat’aanii – die Dinge auf gute Weise besprechen“. Er bezeichnet diesen Navajo-Prozess als „Friedensstiftung“, bei der „das wichtigste Papierstück das Tempotaschentuch zum Trocknen der Tränen ist“. Karl May würde diese Art der Friedensstiftung gemocht haben, die, wäre sie in den USA und anderen Ländern weiter verbreitet, einen Prozess des Heilens in die ganze Welt tragen könnte.
Sherman Alexie, ein Spokane/Cœur d’Alene-Indianer, schreibt Bücher und Drehbücher über zeitgenössische Indianer mit Titeln wie „Reservation Blues“, „The Toughest Indian in the World“, „The Absolute True Diary of a Part-Time Indian“ und „Smoke Signals“. Ich bin sicher, dass Karl May an der Seite des Großen Geistes steht und aus dem Himmel lächelnd auf ihn hinunterschaut. Ron His Horse is Thunder, der Ur-Ur-Großenkel des Lakota-Häuptlings Sitting Bull, und Wendell Yellow Bull aus dem Pine-Ridge-Reservat helfen Kindern und jungen Erwachsenen, durch das Reiten mit ihrem indianischen Erbe in Kontakt zu kommen. Das Reiten lehrt sie die Indoktrination – gib deine indianische Seele auf, oder du wirst nicht überleben – zu durchbrechen, unter der ihre Vorfahren litten. Während des Reitens lernen die Reiter ihre Geschichte kennen, stolz auf ihr Erbe zu sein und die Stammesgemeinschaft und Stammesseele wiederzuentdecken. Es ist eine Art Transit-Ritt, der der Erhaltung der Würde und Genialität des glorreichen indianischen Überlebenskünstlers dient.
Indianervölker überall im Indianerland und in den städtischen Indianergemeinschaften schießen mit Geschichten, tanzen zur Erinnerung, reiten zur Wiederherstellung ihres Stolzes und schaffen eine neue Wirklichkeit.
Sie sind die Starken und Kühnen.
Sie folgen ihrer Vision und erheben sich über ihre Umwelt, ungeachtet aller Widrigkeiten. Auf diese Weise schießen sie einen Pfeil endgültigen Triumphes und letzter Verwandlung ab.

Ubersetzung: Joachim Biermann, Redakteur Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft.

Die indianischen Zitate sind folgenden Schriften entnommen:
- Joseph Epes Brown: Teaching Spirits.
- Broschüre der White Buffalo Calf Society Inc. zur Förderung des Rosebud-Reservats in Süd-Dakota seit 1977.
- James W. Loewen: Lies My Teacher Told Me.

Karl May, Mein Leben und Streben (LuS), S. 29.

LuS, S. 30.

Ebd.

LuS, S. 31.

LuS, S. 35f.

LuS, S. 36.

LuS, S. 53.

LuS, s. 52.

LuS, S. 54.

In deutscher Übersetzung: „Reservats-Blues“, „Der härteste Indianer der Welt“, „Das absolut wahre Tagebuch eines Teilzeit-Indianers“, „Rauchsignale“.

 

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